alles ist zerstört

„Herr Giesemann! Das ist alles zerstört!“
„Äh. Was ist zerstört?“
„Alles, das ist alles aus!“
„Hier, ich hab ihre Tabletten dabei.“
„Neiiiiin! Nehmen sie das weg! Das muß alles weg! Alles ist aus, alles ist aus! Oh Gott!“
„Trinken sie doch erstmal was…“
„Nehmen sie es weg! Tun sie es weg! Alles ist zerstört! Alles ist aus!“
So ging das eine Weile lang, dann begann Frau W., eben diese Weltuntergangsphantasien schreiend ihrer unmittelbaren Umwelt mitzuteilen und war garnicht mehr zu beruhigen. Dazu trat ein bemerkenswerter Tremor (=Zittern) beider Hände ein und schließlich rief ich den Notarzt. Und der machte auch nichts weiter, als ihr 1mg Tavor einzuflößen. Das half dann auch.
Am Tag davor, hatte ich Frau W. geduscht. Fr. W. würde ohne an Zwang grenzende Motivation nicht aus dem Bett aufstehen. Auch nicht, um aufs Klo zu gehen. In meinem Job zieht man übrigens gar keine Handschuhe mehr an, wenn nur Urin im Spiel ist.
Ich hab sie dann geduscht und dabei hat sie die ganze Zeit gewimmert, als würde ich ihr gerade die Haut abziehen. Bei Schlaganfallpatienten wie Fr. W., die zusätzlich noch an chronischer Schizophrenie leidet, funktioniert manchmal die normale Sensorik nicht mehr und sie empfinden äußere Reize wie lauwarmes Wasser offensichtlich nicht so wie die meisten Menschen.
„Machen sie es aus! Oh Gott! Was machen sie mit mir! Das ganze Wasser! Alles ist zerstört!“
Denkt euch das als Endlosschleife. Der Gesprächsstoff erschöpft sich da einigermaßen bald.
Die moderne Medizin mag uns in vielen Lebenslagen helfen, doch bei Fr. W. hat es scheinbar nicht ganz so geklappt alles. Sie betrat die Uniklinik mit Depression und wahnhaften Gedanken und verließ sie als Pflegefall mit Schlaganfall, Thrombose und Diabetes. Ich habe das schon einige Male miterlebt. Es gibt eine Art von Menschen, denen man in Krankenhäusern nicht helfen kann. Diese Menschen werden meistens nur aufgenommen, weil die Einrichtungen, die sie sonst betreuen, sie nicht mehr halten können.
Dann sind sie auf Zimmern mit anderen schwerkranken in häßlichen Krankenhäusern (Hallo Psychiatrie der Uniklinik Frankfurt! Ich KOTZE in dem Moment, in dem ich dich betrete!) mit überfordertem Pflegepersonal – das tut niemandem gut.
Was aber wäre, wenn Frau W. nicht psychotisch wäre sondern tatsächlich das zweite Gesicht bekommen hat und die Zerstörung der Welt sieht? IHRE Welt ist wirklich weitestgehend zerstört, genau wie ihr Körper, von diversen überlebten Suizidversuchen (vom Balkon springen – die Beine, in der Garage den Motor laufen lassen – das Gehirn…), und ist nicht unsere ganze materielle Welt AM ARSCH? Wenn ich von der Arbeit nach Hause fuhr, las ich die letzte Woche jeden Abend Philip K. Dicks Roman „Valis“ über sein Alter Ego Horselover Fat, der herauszufinden versucht, ob die Halluzinationen, die er hat, eine Psychose oder eine Offenbarung Gottes sind. Passt irgendwie.

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